Imam Jalāl ad-Dīn al-Maḥallī (جلال الدين المحلي) war ein bedeutender Gelehrter der schafiitischen Rechtsschule, der sich insbesondere durch seine Arbeiten im islamischen Recht, in den Grundlagen der Rechtswissenschaft und in der Qur’an-Auslegung einen Namen machte. Er wurde zu Beginn des Monats Šawwāl im Jahr 791 n. H. (1389 n. Chr.) in Kairo geboren und verstarb dort am 1. Muḥarram 864 n. H. (1459 n. Chr.). Seine Familie stammte ursprünglich aus al-Maḥalla al-Kubrā im Nildelta, worauf seine Nisba al-Maḥallī zurückgeht. Er lebte und wirkte während der Mamlukenzeit in Ägypten, einer Epoche, in der Kairo ein bedeutendes Zentrum islamischer Gelehrsamkeit war.
Schon in jungen Jahren widmete sich al-Maḥallī dem Erwerb islamischen Wissens. Er lernte den Qur’an, memorierte grundlegende Lehrtexte und studierte zahlreiche Disziplinen. Seine Ausbildung umfasste nicht nur das schafiitische Fiqh, sondern auch die Grundlagen der Rechtswissenschaft (Uṣūl al-Fiqh), Hadith, Qur’an-Auslegung, arabische Grammatik, Rhetorik und Logik. Zu seinen Lehrern gehörten namhafte Gelehrte seiner Zeit, darunter Šams ad-Dīn al-Birmāwī, Burhān ad-Dīn al-Bayǧūrī und Ǧalāl ad-Dīn al-Bulqīnī. Auch der bekannte Hadith-Gelehrte Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānī gehörte zu seinem wissenschaftlichen Umfeld. Die Breite seiner Ausbildung prägte seine spätere Arbeit: Al-Maḥallī verband fundierte Kenntnisse des islamischen Rechts mit sprachlicher Präzision und methodischer Klarheit.
Seine wissenschaftlichen Fähigkeiten wurden von Zeitgenossen hoch geschätzt. Der Historiker Šams ad-Dīn as-Saḫāwī beschrieb ihn als außergewöhnlich intelligent, scharfsinnig und präzise in seinen Untersuchungen. Von seinen Zeitgenossen soll sinngemäß gesagt worden sein, sein Verstand könne Diamanten durchdringen. Al-Maḥallī war für seine Stärke in wissenschaftlichen Diskussionen bekannt und bemühte sich, schwierige Fragestellungen sorgfältig zu untersuchen und in knapper, verständlicher Form darzustellen. Eine ihm zugeschriebene Aussage lautet: „Mein Verständnis lässt keinen Fehler zu.“ Die biografische Überlieferung ergänzt jedoch, dass er seine Auffassung zurücknahm, wenn ihm die Richtigkeit einer anderen Position deutlich wurde. Diese Überlieferung zeichnet das Bild eines Gelehrten, der großes Vertrauen in seine Urteilskraft besaß, zugleich aber bereit war, sich von überzeugenden Argumenten korrigieren zu lassen.
Neben seiner wissenschaftlichen Tätigkeit führte al-Maḥallī ein vergleichsweise schlichtes Leben. Seinen Lebensunterhalt verdiente er unter anderem durch den Handel mit Stoffen. Zunächst kümmerte er sich selbst um sein Geschäft, später überließ er die praktische Arbeit einem Beauftragten, um sich stärker dem Unterrichten und Verfassen wissenschaftlicher Werke widmen zu können. Die Quellen beschreiben ihn als fromm, gewissenhaft und unabhängig. Er hielt Abstand zu den politischen Machthabern und soll das Amt des obersten Richters (Qāḍī al-Quḍāt) abgelehnt haben, das ihm unter Sultan al-Malik aẓ-Ẓāhir Ǧaqmaq angeboten wurde. Seine Haltung verdeutlicht den Stellenwert, den er seiner wissenschaftlichen und religiösen Tätigkeit gegenüber politischer Nähe und gesellschaftlichem Einfluss einräumte.
Al-Maḥallī unterrichtete an bedeutenden Lehrstätten Kairos. Ab etwa 844 n. H. (1440 n. Chr.) lehrte er Fiqh an der Barqūqiyya-Madrasa. Später übernahm er nach dem Tod Ibn Ḥaǧar al-ʿAsqalānīs eine Lehrtätigkeit an der Muʾayyadiyya-Madrasa. Zahlreiche Schüler profitierten von seinem Unterricht; einige von ihnen wurden selbst zu bekannten Gelehrten. Besonders hervorzuheben ist Ǧalāl ad-Dīn as-Suyūṭī (849–911 n. H.), der später die von al-Maḥallī begonnene Qur’an-Auslegung vervollständigte. Zu den weiteren Schülern, die in den biografischen Überlieferungen mit ihm verbunden werden, gehören Zakariyyā al-Anṣārī, Burhān ad-Dīn Ibn Abī Šarīf und Nūr ad-Dīn as-Samhūdī. Menschen suchten al-Maḥallī zudem auf, um Rechtsfragen zu stellen und von seinem Wissen zu profitieren.
Sein wissenschaftliches Werk umfasst mehrere bedeutende Kommentare, die in der späteren islamischen Gelehrsamkeit intensiv rezipiert wurden. Zu seinen wichtigsten Arbeiten gehört Kanz ar-Rāġibīn fī Šarḥ Minhāǧ aṭ-Ṭālibīn, ein Kommentar zu Imam an-Nawawīs Minhāǧ aṭ-Ṭālibīn. Dieses Werk erläutert einen der zentralen Lehrtexte des schafiitischen Fiqh und wurde seinerseits durch zahlreiche Glossen und Kommentare ergänzt. Damit nahm es einen wichtigen Platz in der schafiitischen Kommentierungstradition ein. Ebenfalls bedeutend ist sein Šarḥ al-Waraqāt, ein Kommentar zu den Waraqāt von Imām al-Ḥaramayn al-Ǧuwaynī. Das Werk behandelt grundlegende Fragen der islamischen Rechtsmethodik und wurde in verschiedenen traditionellen Studienprogrammen verwendet. Mit al-Badr aṭ-Ṭāliʿ fī Ḥall Ǧamʿ al-Ǧawāmiʿ verfasste al-Maḥallī zudem einen Kommentar zu Ǧamʿ al-Ǧawāmiʿ von Tāǧ ad-Dīn as-Subkī, einem anspruchsvollen Werk der Uṣūl-Wissenschaft. Auch dieser Kommentar wurde von späteren Gelehrten aufgegriffen und durch weitere Erläuterungen ergänzt.
Besondere Bekanntheit erlangte al-Maḥallī durch den Tafsīr al-Ǧalālayn, den „Kommentar der beiden Ǧalāl“. Er begann diese Qur’an-Auslegung und verfasste nach der überlieferten Darstellung den Kommentar von Beginn der Sura al-Kahf bis zum Ende des Qur’an. Nach seinem Tod führte sein Schüler Jalāl ad-Dīn as-Suyūṭī die Arbeit fort und ergänzte den noch fehlenden Teil. So entstand ein Werk, dessen Name bis heute mit beiden Gelehrten verbunden ist. Der Tafsīr al-Ǧalālayn zeichnet sich durch seine knappe und unmittelbare Erläuterung des Qur’antextes aus. Gerade diese konzentrierte Darstellungsweise trug dazu bei, dass er über Generationen hinweg in traditionellen Lernumgebungen studiert wurde. Neben diesen Hauptwerken werden al-Maḥallī weitere Schriften zugeschrieben, darunter Kommentare zu poetischen Texten wie der Qaṣīdat al-Burda von al-Būṣīrī. Einige seiner Arbeiten blieben unvollendet; bei einzelnen weiteren Titeln ist die Zuschreibung nicht gleichermaßen gesichert.
Jalāl ad-Dīn al-Maḥallī starb am 1. Muḥarram 864 n. H. (1459 n. Chr.) in Kairo und wurde auf einem Familienfriedhof außerhalb des Bāb an-Naṣr beigesetzt. Die biografischen Berichte schildern eine große Anteilnahme an seinem Tod. Sein Vermächtnis besteht nicht allein in der Zahl seiner Schriften, sondern vor allem in deren anhaltender Bedeutung für den Unterricht und die wissenschaftliche Auseinandersetzung. Insbesondere seine Kommentare zum schafiitischen Fiqh und zu den Grundlagen der Rechtswissenschaft wurden über Generationen hinweg gelesen, erläutert und weitergegeben. Der Tafsīr al-Ǧalālayn blieb zugleich ein weitverbreiteter Zugang zur klassischen Qur’an-Auslegung. Imam al-Maḥallī hinterließ damit ein bedeutendes wissenschaftliches Erbe, das von der Verbindung aus fundiertem Wissen, präziser Darstellung und methodischer Klarheit geprägt ist.
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